Ansprache zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit in der Stadthalle Karlsruhe (Jes 62,10)
Klaus Engelhardt
01. März 1997
Das Leitwort für die diesjährige Woche der Brüderlichkeit "Räumt die Steine hinweg" stammt aus dem Buch des Propheten Jesaja. "Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker!" so ruft der Prophet. Es ist ein Ruf in dürftiger Zeit. Nach dem Exil in Babylon sind die Deportierten in ihr Land und nach Jerusalem zurückgekehrt. Was für ein Jubel! Aber bald war auch der zermürbende Alltag zurückgekehrt.
Der Prophet Jesaja wendet sich gegen Müdigkeit und Unlust. Er ist ein großer Erneuerer. Er reißt Frauen und Männer mit seinen Bildern mit. Dies Bild spricht vom Straßenbau. Straßenbau ist Knochenarbeit. In vielen Gegenden dieser Erde müssen zuerst Steine weggeräumt werden, wenn Straßenbau beginnen soll.
Der Prophet Jesaja spricht von der Bahn, die dem Volk bereitet werden soll, damit es seinem Heil entgegenzieht. "Heiliges Volk", "Erlöste des Herrn" wird man sie nennen. Das sind Worte, die sowohl die Zukunft und Heilserwartung Israels wie die der Kirche beschreiben.
Wenn wir uns heute zur Woche der Brüderlichkeit versammeln, übertragen wir die Verheißung vom Kommen Gottes auf das Zueinanderkommen von Menschen, die sich gerne aus dem Weg gehen. Wenn die große Vision des Heils Christen und Juden verbindet, wie sollte es dann nicht auch einen Weg geben, auf dem sie zueinander finden können?
Die "Woche der Brüderlichkeit" ist nach wie vor notwendiger Straßenbau. Sie wurde erstmals im März 1950 in Stuttgart begangen. Sie will die Ziele der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Deutschland bekanntmachen. Sie will öffentliche Aufmerksamkeit für die Ideen der Geschwisterlichkeit, der Menschenrechte und der religiösen Toleranz wecken. Diese gemeinsame Aktion von Christen und Juden in Deutschland hat Wirkungen in die ganze Gesellschaft hinein. Sie ist ein Beitrag zu einer "Kultur des Erbarmens", auf die unser Gemeinwesen angewiesen ist. Damit sind wir auf dem Weg, den Jesaja ein "Zeichen für die Völker" nennt.
Auf dem Weg, den Christen und Juden in Deutschland miteinander gehen, liegen immer noch Steine. Vielen von Ihnen wird das Bild einer Steinwüste in Erinnerung sein, wenn Sie einmal im Süden Israels, im Negev oder im Sinai gewesen sind. Soweit das Auge reicht - zerklüftetes Gelände, Brocken, Felsen, Schluchten. Um da durchzukommen, müssen zuerst die Steine weg. Aber auch dann entsteht nicht sofort eine Asphaltstraße. Der Weg bleibt mühsam, windungsreich, er geht auf und ab, manchmal steil und an Abgründen entlang. Schwieriges Gelände! Nur wer Geduld hat und Energie aufbringt, kommt weiter.
Ich möchte drei Steine nennen, die weggeräumt werden müssen, um dem Vorwärtskommen eine Chance zu geben.
Da ist der Stein der Unkenntnis. Zwischen Christen und Juden gibt es eine Menge Mißverständnisse, schlicht auf Grund mangelnder Kenntnis. Viele Menschen meiner Generation und erst recht der jüngeren Generation haben in ihrem Leben nie persönliche Begegnungen mit Juden gehabt. Was jüdisches Leben bedeutet - im Alltag und an den Festtagen, in der Woche und am Sabbat, in der jüdischen Gemeinschaft und in der breiten Öffentlichkeit - davon wissen sehr viele so gut wie garnichts. Wie soll man aber mit jemandem umgehen, den man nicht kennt? Es gehört zu den großen Verdiensten der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, daß sie dazu hilft, diesen Stein der Unkenntnis beiseite zu wälzen. Auch den Medien ist Anerkennung zu zollen dafür, daß sie Ereignisse, die das Judentum in Deutschland betreffen, aufmerksam verfolgen und darüber berichten. Dies wird ihnen durch die kluge und gewinnende Art ermöglicht, mit der der Zentralrat der Juden und insbesondere sein Vorsitzender Herr Ignatz Bubis jüdische Belange in Deutschland öffentlich vertreten und um Verständnis für die Bundesrepublik Deutschland vor jüdischen Verbänden im Ausland werben. Es ist gut, wenn Judentum in Deutschland wieder zu einer Selbstverständlichkeit wird, die keine Rechtfertigung braucht und keine Anfeindung erleidet. Daher Dank an die Juden, die nach dem Holocaust in Deutschland geblieben sind, um deutsche Mitbürger und Mitbürgerinnen zu sein.
Der zweite Stein ist der des Vorurteils. Wo man vom Judentum wenig weiß, nisten sich leicht schlimme Vorurteile ein. Unsere christlich-jüdische Geschichte in Deutschland und in Europa hält solche Vorurteile leider reichlich bereit. Ich erinnere an die Karrikatur des "Pharisäers", an den angeblichen Rachegott des Alten Testaments. Wer gedacht und gehofft hat, das sei doch nun allmählich und endlich überwunden, der erfährt immer wieder, daß solche Klischees doch noch in vielen Köpfen stecken und leicht reaktiviert werden können. Die deutsche Literatur kennt nicht nur Nathan den Weisen, Lessings großartige Ehrung für Moses Mendelsohn, sondern auch die Karrikaturen von Juden bei Gustav Freitag und Wilhelm Busch. Jüdische Künstler und Autoren haben wichtiges dazu geleistet, den Stein solcher Vorurteile wegzuräumen. Ich erinnere an die Bilder von Marc Chagall und an die reichliche jüdische Literatur, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland erschienen ist. Auch die Kirchen haben hier ihren Beitrag eingebracht. Das Alte Testament ist nicht finsteres Gesetz im Gegensatz zum leuchtenden Evangelium des Neuen Testaments, wie es bei Evangelischen lange gesehen wurde. Wir müssen uns darüber klar sein - demographische Erhebungen in dieser Sache belegen das: Vorurteile gegenüber Juden, sofern sie heute vorhanden sind, speisen sich aus gesellschaftlichen Klischees der Vergangenheit, die nachwirken und haben zunächst weniger religiösen Hintergrund, aber sie werden schnell von religiösen Einstellungen her verstärkt. Es ist nicht leicht, diesem Schatten zu entfliehen. Denn es waren ja nicht nur Vorurteile, sondern es waren unvorstellbare Taten und Verbrechen, die den Weg blockieren, auf dem Christen und Juden zueinander finden müssen.
Ich nenne als dritten Stein den Unglauben. Das wird sie überraschen, denn ist es nicht gerade der unterschiedliche Glaube von Juden und Christen, der ihrem Miteinander im Wege steht? Sind es denn nicht die Fundamentalisten auf beiden Seiten, die jeder Versöhnung und Annäherung widerstreben? Dagegen halte ich fest: Wenn Christen und Juden, jeder in seinem eigenen Glauben fest wurzelt und darum frei und fröhlich ihren Blick auf Gott richten und ihr Gebet zu Gott sprechen, dann können sie sich keine Scheuklappen anlegen und den jeweils anderen nicht sehen wollen, der eben dies mit gleicher Hingabe tut. Wenn das Neue Testament die Wurzel des Glaubens bei Abraham erkennt, will es damit Christus nicht vergleichgültigen. Aber es will auch die Verheißungen nicht beiseite schieben, die den Kindern Abrahams gegeben sind und die Gott nicht widerruft. Unter der Geduld und Güte Gottes, unter seiner Gnade und seinem Segen öffnen sich die Wege auch füreinander. Es ist unser mangelndes Gottvertrauen, unser Unglaube, der uns auch im Wege steht.
Räumt die Steine weg! ruft der Prophet. Ich habe drei solche Steine zu nennen versucht. Lassen Sie mich auch einige Steine nennen, die stehenbleiben müssen. Fromme Juden beten in Jerusalem an der Westmauer des Tempels. An diesen Steinen machen Sie ihr Vertrauen fest zur Verheißung Gottes für Israel und Jerusalem. Diese Steine müssen stehenbleiben. Nicht weit davon steht die Grabeskirche. Sie erinnert an Tod und Auferstehung Jesu Christi, von dem das Neue Testament sagt, daß er der Eckstein ist. Das Bekenntnis zu Jesus Christus, "eingesetzt als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten" (Röm 1,4) ist der Stein, auf dem die Kirche ruht. Der muß bleiben. Wiederum nicht weit von beiden steht der Felsendom und die Al-Aksa-Moschee, ein hohes Heiligtum für die Muslime in aller Welt. Auch das sind Steine, die bleiben müssen. In unserem Land gibt es Synagogen, Kirchen und nun auch Moscheen. In ihnen und an ihnen können wir Toleranz lernen, die unser Gemeinwesen braucht. Toleranz, die keine religiöse Gleichgültigkeit ist.
Was wir wegräumen sollen, ist der Schutt der Jahrhunderte, der die Konturen deckt, die Wege verschüttete, den Eifer erlahmen läßt. Denken Sie an das Bild einer zerstörten Stadt nach dem Kriege, etwa 1945 in Deutschland. Aufräumen, Steine wegtragen, ja. Die Fundamente freilegen, sie nicht beseitigen, sondern darauf neu bauen. Das ist es.
Die Arbeit wird allerdings so schnell kein Ende finden. Immer wieder gibt es Stolpersteine. Ein solcher ärgerlicher, anstößiger Stein ist zum Beispiel die Behauptung der Scientology-Gruppierung, sie würden in Deutschland aus weltanschaulichen Gründen verfolgt, und, was die Sache nun wirklich schlimm macht, diese Verfolgung sei mit der Verfolgung der Juden während des beginnenden Dritten Reichs zu vergleichen. Das ist ein böswilliger Vergleich der Situation in Deutschland unter den Nazis mit der Situation der Gegenwart; das ist Mißbrauch bitterer geschichtlicher Ereignisse und verharmlost die Verbrechen, die an Juden geschehen sind.
Steine werden uns auf dem Weg zueinander auch immer wieder in den Weg gerollt, wenn von einzelnen Gruppierungen der Kirche berichtet wird, daß sie sich um jüdische Zuwanderer aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in einer Weise bemühen, die geeignet ist, deren - ja nicht immer sehr bewußtes und religiös verankertes Jude-Sein - in Frage zu stellen. Ich möchte deshalb noch einmal sagen, was wir auch dem Zentralrat der Juden anläßlich unseres letzten Gespräches gesagt haben. Wir empfehlen unseren Pfarrerinnen und Pfarrern, wenn sie jüdischen Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion begegnen, daß sie diese auf die nächste jüdische Gemeinde aufmerksam machen. Es verdient Respekt, daß jüdische Gemeinden unter großen finanziellen Opfern diese jüdischen Zuwanderer aufnehmen.
