Predigt beim Amtswechsel des Militärbischofs, Französischer Dom zu Berlin

Peter Krug

23. September 2003

Es gilt das gesprochene Wort.

Liebe Gemeinde aus Provinz und Residenz!

Dem oldenburgischen Bischof, der vorhin sein Amtskreuz bei einer Person seines Vertrauens hinterlegt hat, liegt sehr daran, schon heute den neuen Militärbischof zum Landeskirchentag am 26. Juni 2004 nach Oldenburg einzuladen. Das hat der Rat der EKD so gewollt, dass beide Bischöfe ein gutes Miteinander pflegen, sich gegenseitig besuchen und unterstützen, dass in Fragen der Sicherheit und des Geheimnisschutzes die eine Hand nicht weiß, was die andere tut, die beiden Geistlichen aber sonst dem Ideal des Psalmes 133 möglichst voll entsprechen: „Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beeinander wohnen!“  Beide Mitglieder dieser Wohngemeinschaft verbindet der Wunsch, wie er in dem Motto des Landeskirchentages  zum Ausdruck kommt: „Mehr Himmel auf Erden.“

Für diese Sehnsucht vieler Menschen und Völker haben wir aus der jüdisch-christlichen Tradition reiche Schätze anzubieten. Ein großer Bogen der Verheißung spannt sich von den Anfängen bis zum Ende der Heiligen Schrift. In Jesaja 65 verkündigt der Prophet die Absicht Gottes: „Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.“ Daran knüpft etwa 600 Jahre später der Seher Johannes an, wenn er in Offenbarung 21 schreibt: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Und dann fährt er unnachahmlich tröstlich fort: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Siehe, ich mache alles neu!“

Für jede Art der Seelsorge, ob sie im Arbeitszimmer des Pfarrhauses, am Krankenbett, in der Zelle einer Justizvollzugsanstalt, an den Opfern und Helfern eines Notfalles oder im Auslandseinsatz der Soldaten geschieht, für jede Art der Seelsorge in dieser Welt, die doch Gottes Schöpfung bleibt, obwohl ihr Antlitz bisweilen mehr einer Fratze in der Hölle als einem Engelsgesicht im Himmel gleicht, für jede Art der Seelsorge zeichnet sich am Horizont der Gespräche und Gebete die Vision ab,  die der Psalm 85 beschreibt: „dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen“. Naschak war das hebräische Verb, das mir als Student auf Anhieb im Gedächtnis geblieben ist, in erster Linie für den zwischenmenschlichen Bereich in Ehe und Familie. Aber auch im menschlichen Zusammenleben überhaupt gilt doch die Grundregel: Ohne ein Mindestmaß an Gerechtigkeit gibt es keinen dauerhaften Frieden, weder bei uns noch anderswo.


Grund dieses Glaubens, Quelle dieser Hoffnung und Maßstab dieser Liebe bleibt für uns Jesus Christus, der Herr der Welt und der Heiland der Menschen. Dank seines Kreuzes, vor dem all unsere Kreuze, die wir auf dem Rücken oder gar auf der Brust tragen, gänzlich verblassen und dank seiner Auferstehung, die jedem Untergangsorakel das österliche Halleluja entgegenschleudert,  dank seiner, der am Karfreitag durch die Hölle gegangen ist wie viele vor ihm und nach ihm, dank seiner Auferweckung von den Toten wagen wir es, für mehr Himmel auf Erden zu werben – auch mit unserer Seelsorge in der Bundeswehr in ihrer evangelischen oder katholischen Prägung.

Seit frühester Jugend ist mir die Geschichte vor Augen, wie Jesus einem Menschen mehr Himmel auf Erden, vielleicht sogar auf Erden den Himmel eröffnet hat. Ich lese einige Verse aus dem Markusevangelium, Kapitel 2:

Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, so dass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.
Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten, wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.
Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

Liebe Schwestern und Brüder! Ein wenig mag diese Szene dem ähneln, was manche von Ihnen erlebt haben. Da wird einer getroffen, verletzt, bleibt reglos liegen. Kameraden eilen zur Hilfe, legen ihn auf eine Bahre und schaffen ihn schleunigst dort hin, wo Hilfe und Rettung möglich erscheint. Das ist ihre Hoffnung, ob sie nun evangelisch oder katholisch getauft sind, einer anderen Religion verbunden oder ohne einen Gottesbezug aufgewachsen sind. Das ist ihre und, ich denke, unser aller Hoffnung, dass im Notfall wenigstens einer da ist und tut, was beider Menschen würdig ist. 

Jesus eilte der Ruf voraus, dass er auf wunderbare Weise helfe und heile, wenn Menschen Vertrauen in ihn setzen, aber nicht in den Wunderheiler, deren es zu jener Zeit wohl viele gab, sondern in den von Gott gesandten Sohn und Bruder der Menschen. In dieser Szene am See Genezareth entspricht Jesus, so scheint es, voll den Erwartungen, die von dem gemischten Publikum und auch von seinen Jüngern in ihn gesetzt werden. Der Herr sagt ihnen das Wort, er sieht ihren Glauben und spricht, quasi im Befehlston zu dem Gelähmten: Steh auf und geh heim. Und der tut das, so als hätte er gedient und wisse, dass man zu gehorchen habe.

Dass Jesus diesem Gelähmten, den wir Älteren noch mit dem Krankheitsbild des Gichtbrüchigen in Erinnerung haben, dass Jesus diesem Menschen sozusagen auf die Sprünge geholfen, ihm also wieder Lebendigkeit und Lebensfreude geschenkt hat, war die Zugabe zu einer viel wichtigeren Heilung, die voraus ging. Was da geschehen ist, hat mit dem Himmel auf Erden in einem tieferen Sinne zu tun, als ihn der Grad körperlicher Beweglichkeit oder Behinderung befördern oder beeinträchtigen kann.

Jesus spricht nämlich mehrmals zu dem Gelähmten. Ich lese den bisher ausgesparten Text, worauf alle bibelkundigen Laien und Theologen schon längst gewartet haben.

Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?
Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!

Liebe Gemeinde! Der Kern dieser biblischen Geschichte ist die Botschaft: Jesus darf und kann und will in Gottes Namen Sünden vergeben. Wo dies geschieht, hellt sich der Himmel  über Menschen auf. In christlicher Verkündigung und Seelsorge geht es in der Verantwortung vor Gott zutiefst darum, mit Männern, Frauen und jungen Menschen Lösungen aus geistlichem Gelähmtsein, Erlösung aus der Zwangsjacke von Sünde, Tod und Teufel zu suchen und zu finden. Dabei geht es mir heute morgen nicht um diese oder jene Verfehlung, deren wir im Lichte der 10 Gebote schuldig werden. Davor ist ja niemand gefeit.

Vielmehr bewegt mich und, wie ich in den letzten Monaten bemerkt habe, auch meine Gesprächspartner in Politik, Militär und Kirche, die alte Frage, wie auf Aggression und Gewalt ganz unterschiedlicher Art einigermaßen angemessen zu reagieren sei. Ich sage ganz bewusst „einigermaßen“, weil es „in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht“ (Theologische Erklärung Barmen, 5. These, 1934) fast immer um ein Mehr oder Weniger angemessenen Handelns geht. Das ist das Grundproblem menschlicher Existenz vor Gott. Wir leben noch unter den Bedingungen des alten Himmels und des verlorenen Paradieses. Es hat keinen Sinn, diesen Fluch der Sünde zu verdrängen, denn er schwächt und lähmt die Kräfte für den Frieden in Gerechtigkeit. Gegen die Macht solcher Lähmungserscheinungen, die redliche Analysen und verantwortliche Entscheidungen erschwert oder blockiert, steht das erlösende Wort Jesu: Dir, der du darunter leidest, das Gute tun zu wollen und dabei das Dunkel des Schattens nicht abschütteln zu können, dir, der du im persönlichen Leben und im politischen Geschäft an die Grenzen der Machbarkeit von Gerechtigkeit und Frieden stößt, dir, der du allzu oft zu Kompromissen gezwungen wirst und diese Zustände dein Gewissen beschweren, dir wird die Last dieser Sünde genommen! Das ist Sorge an Seele und Leib des Menschen, wie sie von der Kirche zu Recht erwartet und geleistet wird – in Jesu Namen.

Wer solchermaßen von dem Druck der Sünde erleichtert ist, wird vielleicht nicht hüpfen, springen und tanzen, weil das ja nicht jedes Menschen bevorzugtes Ausdrucksmittel der Freude ist und weil die Grundproblematik ja weiter existiert. Die aber auf die Gnade Jesu vertrauen, gehen ihren Weg besonnen, behutsam und getrost. Sie wissen um den weltweiten Zusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden. Sie setzen so intensiv wie möglich auf politische Lösungen, um Aggression und Gewalt einzugrenzen und abzubauen. Sie machen es sich nicht leicht bei der Entscheidung zwischen dem größeren und kleineren Übel, wenn in konkreter Not der Gewalt angemessen zu wehren ist. Sie wachen gemeinsam darüber, dass Grenzfälle wirklich Grenzfälle bleiben (EKD Text 48, S. 72). Bei allen Schritten auf dem Weg gerechten Friedens vertrauen sie sich der prima ratio an, die Gott bereit hält – in Wort und Sakrament, im Sommer und Winter, bei Ebbe und Flut.

Die Spannung zwischen Himmel und Erde, zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen menschlicher Wirklichkeit und göttlicher Weisheit kann von sterblicher Seite nicht aufgelöst werden – eben wegen der verfluchten Sünde. Aber in dieser Spannung zwischen dem „schon“ der Liebe Gottes in seiner Schöpfung und dem „noch nicht“ des neuen Himmels und der neuen Erde, wie sie uns verheißen sind, beten und arbeiten wir guten Mutes für mehr Himmel auf Erden.

Ich freue mich darüber und bin dankbar dafür, dass unsere ständig weiterentwickelte Seelsorge in der Bundeswehr, gerade auch in den Auslandseinsätzen, hohes Ansehen genießt und durch menschliche Nähe und ökumenische Gemeinschaft in Gottesdiensten, Beratung und Folklore mit dazu beiträgt, dass Soldatinnen und Soldaten Ruhe finden für Leib und Seele und auftanken können für ihren Friedensdienst im Krisengebiet.

Wenn in jener einträchtigen Wohngemeinschaft der eine Bischof den anderen zu „mehr Himmel auf Erden“ eingeladen hat, so liegt es nun dem Nebenamtlichen am Herzen, dem Hauptamtlichen in Oldenburg und den Schwestern und Brüdern in allen Landeskirchen der EKD, vor allem aber den Männern und Frauen, die im Augenblick ihren soldatischen oder seelsorgerlichen Dienst bei uns oder im Ausland leisten, einen wichtigen Gruß zukommen zu lassen. Er ist militärisch kurz und lautet: Gott befohlen! Oder wie es im französischen Dom besser klingt: Adieu!

Amen.

Peter Krug



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